Intersexualität - Die alltägliche Folter in Deutschland (2004)
Tags: Geschlecht, Intersexualität, Medizingeschichte, Rassismus.Die folgende Gemeinschaftsarbeit dokumentiert unseren ein Semester lang laufenden Forschungsprozess zum Thema Intersexualität. Da es sich hierbei um einen Forschungsbericht und nicht um eine herkömmliche Hausarbeit handelt, widmen wir uns in diesem Text verschiedenen Fragekomplexen, die unsere Diskussion bestimmt haben. Wenn sich deshalb einige Argumente in verschiedenen Passagen des Textes wiederholen sollten, trägt dies dem Umstand Rechnung, dass dieser Forschungsbericht von drei Personen gemeinsam verfasst wurde.
Der hegemoniale biomedizinische Diskurs beruht auf dem „Imperativ der Zweigeschlechtlichkeit“: Von der biologischen Reproduktion aus gedacht gibt es genau zwei Geschlechter, die sich heterosexuell fortpflanzen. Am Rande dieses Diskurses treten jedoch Widersprüchlichkeiten auf, wie beispielsweise bei Geschlechtsbestimmungen. Der medizinische Umgang mit Intersexualität zeigt auf, wie die angesprochenen Uneindeutigkeiten über Pathologisierungen in das System der Zweigeschlechtlichkeit reintegriert werden und als das Außen des Normalitätsdiskurses konstruiert werden. Diesem Geschlechterbild der modernen Medizin ist die folgende Arbeit gewidmet.
Im ersten Teil befassen wir uns mit dem Begriff `Intersexualität´, seiner Herkunft und seinen Beschränkungen und fragen nach den Selbstdefinitionen der Betroffenen. Anschließend widmen wir uns der Frage, wie mit Hermaphroditen historisch umgegangen wurde bzw. welche Entscheidungsmöglichkeiten sie hatten und führen dies am Beispiel von Herculine Barbin und der Theorie Michel Foucaults exemplarisch aus. Im Folgenden wenden wir uns dem Geschlechterbild der modernen Medizin zu und befragen drei medizinische Quellen danach, warum Intersexuelle geschlechtlich eindeutig gemacht werden. Warum wird operiert und wie legitimiert die Medizin einen sozial kategorisierenden operativen Eingriff? Anhand von vier Schulbüchern zeigen wir im Anschluss daran, wie diese medizinische Geschlechterideologie populärwissenschaftlich vermittelt wird. Nach diesem Quellenstudium untersuchen wir, wie das herrschende Verhältnis von sex und gender durch die bloße Präsenz Intersexueller in Frage gestellt wird. In den folgenden zwei Abschnitten arbeiten wir heraus, wie sich die medizinische Profession als Vollstreckerin von Zwangsheterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit profiliert. Dementsprechend befasst sich das folgende Kapitel mit dem Arzt als Überwacher der Geschlechterordnung. Hier kommen wir erneut auf die Frage zu sprechen, weshalb Operationen an Intersexuellen innerhalb des herrschenden Geschlechtermodells unumgänglich sind.
Der nächste Abschnitt befasst sich dann mit der Frage, warum Genitalverstümmelungen in afrikanischen Ländern im westlichen Mediendiskurs verurteilt werden, während die Verstümmelung Intersexueller im Westen verschwiegen wird. Einem weiteren Paradoxon spüren wir im nächsten Kapitel nach: Einerseits spricht der postmoderne Feminismus von der symbolischen `Konstruktion´ der Geschlechter, andererseits `konstruieren´ Ärzte das materielle Geschlecht bei Intersexuellen. Um die scheinbare Nähe der beiden Positionen zu widerlegen, befragen wir die Texte Judith Butlers. Anschließend wagen wir einen Ausblick in eine vielgeschlechtliche Zukunft.
Zum Abschluss berichten wir von unseren Diskussionen um den Begriff des `Opfers´(medizinischer Maßnahmen) und die Instrumentalisierung Intersexueller in Debatten der Gender Studies. Außerdem stellen wir die Unterschiede zwischen der traditionellen Emanzipationsbestrebung Homo-, Bi- und Transsexueller auf der einen Seite und dem Kampf Intersexueller gegen Folter auf der anderen Seite heraus. Zu diesen politisch-strategischen Überlegungen gehört auch die Beschreibung der Pathologisierungsgefahr, die im Konzept des `Dritten Geschlechts´ liegt. Dieser Abschnitt mündet dann am Schluss in eine Auflistung politischer Forderungen, denen wir uns anschließen möchten.
Download: Intersexualität - Die alltägliche Folter in Deutschland
Dieser Forschungsbericht wurde im Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Uni Berlin geschrieben. Die AutorInnen sind über folgende Email-Adresse zu erreichen: hechler(bei)jpberlin.de
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