Am Beginn des 21. Jahrhunderts sind kulturelle Grenzen nicht mehr so eindeutig. Globale Prozesse der Verschiebung von ökonomischen und politischen Kräfteverhältnissen haben die westliche Unterscheidungsgewalt und Definitionsmacht in bezug auf kulturelle Identitäten deutlich unterlaufen und porös gemacht. Die Kategorien Raum und Zeit haben sich eine neue Gestalt gegeben und die Welt in ein global village verwandelt. Der Globus ist von einem weltweiten Migrationsnetz umspannt, und gleichzeitig werden von den westlichen Ländern immer restriktivere und selektivere Einwanderungsbestimmungen aufgestellt. Der moderne Nationalstaat hat ein spezifisches Repertoire von Ausschlussmechanismen entwickelt. Diese Abschottung als territoriale Grenzziehung drängt die Ausgeschlossenen soweit an den Rand, dass sie kaum Wege der Artikulation und des Protests finden.

Eine Verdrängung spielt sich aber zusehends auch innerhalb moderner Gesellschaften ab: Es kommt zu Grenzziehungsprozessen im Inneren, die sich in hierarchisch differenzierten Ausschlussprinzipien ausdrücken. Postmoderne Theoretiker sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer neuen Vergessenheit. Dennoch kommt es verstärkt an den Rändern dieser Gesellschaften dazu, dass sich die Marginalisierten organisieren, um sich gegen die dominierenden gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen von Macht und Diskursen aufzulehnen. Dieser politische Kampf wird nicht nur als purer Kampf um das eigene Überleben geführt, sondern er schließt ein emanzipatorisches Projekt mit ein. Emanzipatorische Politik meint in diesem Zusammenhang vorrangig weitergehende Forderungen nach Demokratisierung des Politischen, Gleichheit im Sozialen und ein Recht auf Differenz im Kulturellen.

Insgesamt haben tiefgreifende Umbrüche zunehmend zu kulturellen Uneindeutigkeiten und Dezentrierungen geführt und gleichzeitig eine ausgrenzende Identitätspolitik gegen bestimmte Fremde hervorgebracht. In den Bestimmungen dessen, was als Eigenes und was als Fremdes wahrgenommen wird, kommen immer häufiger Begriffe der kulturellen Identität und Differenz zum politischen Einsatz. Und obwohl Migration anhaltend eines der am meist diskutierten Themen darstellt, fehlt ausnahmslos die Sicht der MigrantInnen selbst. Seit Jahren schon existiert ein nicht zu ignorierender Bereich gesellschaftlich getragener „Ausländerarbeit“ und Flüchtlingssozialarbeit. In zunehmendem Masse organisieren sich Flüchtlinge und MigrantInnen jedoch auch selbst, befreien sich aus der ihnen zugewiesenen Opferrolle, bilden Netzwerke auch über nationale Grenzen hinweg. Doch die Sozialwissenschaften scheinen über Diskussionen um Multikulturalismus und Integrationismus verhaftet zu sein in einem Spannungsverhältnis zwischen Nationalstaat bzw. Wohlfahrtsstaat, Migration und Ethnizität. Damit leisten sie nicht nur selber einen Beitrag zur Reproduktion und Reifikation von Begriffen wie Ethnizität und kultureller Differenz, sondern ihnen geht damit auch die Fähigkeit verloren, jene gesellschaftlichen Selbstorganisierungsformen wahrnehmen zu können, die genau diese Grenzziehungsmechanismen in Frage stellen.

Download pdf: Identitäten im Aufbruch - Zur Selbstorganisierung von Flüchtlingen in Deutschland

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Die Diplomarbeit wurde 2002 im Fach Sozialwissenschaftten an der Humboldt-Uni Berlin geschrieben. Die Autorin Henriette Hahn, wohnhaft in Berlin, ist unter jettihahn(bei)gmail.com zu erreichen.


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